Wenn einer immer mehr gibt


Das Phänomen von ungleich verteilten Rollen gibt es nicht nur in der Liebe. Auch in Freundschaften kommt es häufig vor, dass ein Part mehr gibt, als der Gegenüber. Doch kann so eine Beziehung wirklich auf Dauer funktionieren? 

Eine interessante Frage für mich. Denn auch ich habe so meine Probleme damit. Ich habe keinen großen Freundeskreis. Eine handvoll enge Freunde – den Rest würde ich eher als gute Bekannte, mit denen ich gerne ab und zu Zeit verbringe, einstufen. Dass ein Mensch 20 gute Freunde haben kann, halte ich für einen absoluten Irrglauben. Aber gut. Für diese Handvoll Freunde würde ich alles – aber auch wirklich alles – tun. Was ich dabei oft vergesse, bin ich selbst. Neben Arbeit und anderen Verpflichtungen verspüre ich oft das Verlangen, einfach für mich zu sein. Zu lesen, Musik zu hören, Netflix rauschen zu lassen. Was auch immer, aber ich bin für mich. Dennoch würde ich diese „Me-Time“ jederzeit verkürzen oder gar ausfallen lassen, wenn einer meiner Freunde etwas trinken gehen will. In diesem Moment bin ich dann auch happy und genieße die Zeit mit den Menschen um mich herum. Nach einer gewissen Zeit merke ich jedoch, wie meine Batterie schwacher wird. Ich muss mich aus der Gesellschaft mal kurz ausklinken. 

Bis dahin ist das ja alles okay. Ich bin eben nun mal ein Mensch, der viel tut für jemanden, der ihm am Herzen liegt. Das mache ich gern und es gibt mir viel. Kompliziert wird es dann, wenn ich merke, dass mein Gegenüber meine Aufmerksamen nimmt und nimmt, aber mir nichts zurückgibt. Wenn er mich sozusagen aussaugt, mir meine komplette Energie raubt. Dabei geht es nicht immer nur um Zeit, die einer mehr opfert, sich immer nach seinem Gegenüber richtet und sich selbst damit einschränkt. Nein. Es geht genauso um Gefühle, Emotionen und Wertschätzung, die in einer zwischenmenschlichen Beziehung einseitig sind. Und an diesem Punkt kann das Ganze sehr kompliziert werden. Natürlich gibt es Situationen, in denen der gebende Part damit zurecht kommt, dass er immer mehr geben wird, als zu bekommen. Und bis zu einem gewissen Grad ist es denke ich auch sinnvoll und notwendig, Kompromisse einzugehen und sich auf den anderen einzulassen.

Doch ich sehe sehr wohl ein Problem, wenn nur einer der beiden Kompromisse macht und zurückstecken muss. Ich war leider schon oft in der Situation, in der ich nicht das bekommen habe, was ich mir wünschte. Mir ist es immer besonders schwer gefallen, einen Unterschied zu machen zwischen Dingen, die ich wirklich einfordern darf und eben denen, die wirklich ein bisschen zu viel verlangt wären. Doch kann ich mit etwas Abstand über jede Situation sagen, dass ich Wünsche hatte, die nicht im Ansatz zu viel gewesen wären. Eine Beziehung mit mehr Tiefgang und Teilen der Gedanken, eine Freundschaft mit Ehrlichkeit und Verständnis. Nichts von dem ist in einer menschlichen Beziehung ein Luxusgut. All das sollte selbstverständlich sein. Es ist also ein gutes Recht, diese Dinge von seinem Gegenüber einzufordern. Denn hält man dieses einseitige Entgegenkommen einfach nur aus, geht man daran früher oder später kaputt. Meine Beziehung hat mich bis auf den letzten Tropfen Energie ausgesaugt. Ich habe Monate gebraucht, um wieder ich selbst zu sein und auf eigenen Füßen zu stehen. Hätte ich früher etwas unternommen, wäre das vielleicht nicht passiert. Ich habe mir geschworen, nie wieder viel mehr zu geben, als ich bekomme. Entweder ich investiere auch weniger, oder mein Gegenüber muss sich genauso Kompromissen eingehen, wie ich. Denn das ist okay. Nein, es ist mehr als nur okay. Es ist nötig, um den eigenen Selbstwert zu erhalten. Genauso ist es okay, wenn es mit einer Person eben nicht passt. Nicht jeder ist füreinander geschaffen, manche Beziehungen sind nicht dafür gemacht, zu halten. Wichtig ist es, diese Erkenntnis anzunehmen und umzusetzen. Denn, liebe dich selbst immer genauso viel, wie du alle anderen Menschen um dich herum liebst. Nur so kann eine Beziehung auf Dauer gesund und harmonisch sein. 

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